Was ist eigentlich Segeln?

In 10 Tagen gehe ich für ein paar Wochen mit Anja auf die Ostsee segeln. Was macht man da eigentlich? Was ist eigentlich segeln?

Segeln ist vielfältig. Deshalb sieht das jeder auch wohl irgendwie anders. Vor kurzem las ich in der SZ in einem Artikel über die Segel-Bundesliga das Zitat eines Verantwortlichen. Dort heisst es sinngemäß:

„Viele Leute denken, Segeln bedeutet, auf seinem Boot rumzuschippern. Das ist Blödsinn. Segeln ist Leistungssport.“

Einspruch. Nicht für jeden. Für den ambitionierten Regattasegler mag das stimmen. Immerhin ist der in einer überwältigenden Unterzahl.  Es gibt sehr vielfältige Arten, Segeln als Hobby zu betreiben. In den Häfen stehen stehen LMs, Faurbys, Optimas, X, Hanses, Bavarias, J Boats, Pogos und Rassys nebeneinander. Manche Boote haben Kuchenbuden, andere Gennakerrüssel. Ich bin übrigens das krasse Gegenteil zur Segel-Bundesliga – ich will einfach nur mit meinem Boot rumschippern und ne geile Zeit haben. Leistungssport? Ähem – nö. Manchmal schnell sein? Ja, gern Wenn’s grad passt.

Warum muss dieser Sport/Hobby eigentlich so oft kategorisiert werden? Wer bestimmt eigentlich, was Segeln bedeutet? Warum muss überhaupt ständig festgelegt werden, was Segeln bedeutet? Ist der Segler, der auf der Alster bei 3 Bft. wieder an den Steg fährt ein schlechterer Segler als der, der bei 8 Bft. auf dem Atlantik pfeifend auf der hohen Kante sitzt? Ist derjenige besser, der eher da ist? Der weiter weg segelt? Oder sogar der andere? Der, der sich Zeit lässt? Ist der Eigner besser als der Charterer? Der Neubootsegler besser als der Wurstwagencruiser? Der Regattasegler besser als der Fahrtensegler? Nicht ohne Grund gibt es sogar den geläufigen Begriff des „Besserseglers“.

Zeit nehmen und finden
Zeit nehmen und finden

Dass die Szene ein großes Nachwuchsproblem hat, ist in meinen Augen sehr vielschichtig begründet. Es ist nicht nur das oft fade und elitär aussehende Angebot, der teure Beigeschmack (unbegründet), es ist auch oft die Außendarstellung. Sie ist irgendwie seltsam. Muffig ist sie sowieso. Oft auch sehr engstirnig. Häufig begleitet von Streitereien. Schaut man in Foren mal unter der Kategorie „Seemannschaft“, muss man nicht lange suchen, um gesperrte Threads zu finden. Grund? Streitigkeiten mit teilweise üblen Beschimpfungen. Auf SR gab es vor kurzem sogar einen Beitrag über wüste Diskussionen auf Facebook zwischen Regattaseglern und Cruisern.

Warum ist in einem Hobby (ich vermeide bewusst den Begriff Sport für mich), dass in aller erster Linie Entspannung pur bringt, so viel Meckerei präsent? Warum geniesst man nicht seine Zeit auf dem Boot, anstatt anderen immer zu sagen, wie es geht?

Auf der Illbruck, Kurs Sonnenuntergang
Auf der Illbruck, Kurs Sonnenuntergang

Ich kenne zwei Arten zu segeln: Bin vor 10 Jahren mal ziemlich über die Ostsee gekeult, als ich diese Revierführer produziert habe. Von Laböe bis Bornholm, von Schleswig bis Strömstad. Mit Zeitdruck. Meilen gefressen. Häfen gefilmt. Auf die Fresse gekriegt. Nun, 10 Jahre und ein paar Fuß weniger: Zeit nehmen, rumtingeln, rumsegeln, festsitzen, Leben genießen, gleiten, dümpeln.

Was ist Segeln für mich? Runterkommen. Auf dem Wasser sein, einschränken, reduzieren. Mit der Natur leben, vom Wind abhängig sein. Sich 2 mal die Woche an einem Splint den Fuß aufreissen. Pesto von den Bodenbrettern wischen. Den Latz verbrennen Im Winter das Unterwasserschiff zu streichen und sich seine Klamotten einsauen. Aufs Wasser starren. Glücklich sein, Muffensausen haben. Fluchen und lachen. Schöne Orte besuchen. Tolle Menschen treffen. Sachen rumräumen. Nicht wissen, welcher Tag ist. Schon gar nicht die Uhrzeit. Überholen und überholt zu werden. Leben und leben lassen.

Gibt es ein schöneres und vielfältigeres Hobby? Ich freue mich so, endlich mal wieder abzulegen.

illbruck - 46

 

33 Gedanken zu „Was ist eigentlich Segeln?“

  1. Alter Schwede, das ist der beste Artikel, den ich je zu diesem Thema gelesen habe. Jedes Wort stimmt. Ganz großes Kino.
    Grandios !

    Grüße an Dich
    Chris

  2. Habe mir gerade einmal die Kommentare auf SR durchgelesen – mal wieder typisch diese Scheuklappensicht…
    Ignoranz – null Toleranz!
    Am letzten Wochenende habe ich mir ein paar Regattaübertragungen der KW angeschaut und heute die Nachwuchsregatten live gesehen.
    Und? Cool! Beim Zuschauen schon anstrengend und auch spannend – die haben es echt drauf!
    Und nun hoffe ich auf gleichmäßigen Wind zum Wochenende und Sonnenschein, habe mal wieder Lust auf meinem Dickschiff über die Bucht zu schippern und zu genießen.
    Vielleicht belächeln mich ja ein paar Regattasegler, weil ich mich gar nicht so anstrengen muss – aber die meinen es bestimmt nicht böse.

  3. Ich denke ob Hobbysegler oder Leistungssegler im Grunde sind wir doch alle ein bisschen gleich die Liebe zum Wasser und den Wind um die Nase das treibt uns.
    Irgendwann ist ein Leistungssegler auch nur ein Hobbbysegler und vielleicht umgekehrt.
    Egal wie das Feeling muss stimmen⛵️

  4. Viel wahres dran an dem Artikel. Mir auch wurscht wer was und warum segelt, ungleich interessanter finde ich die Frage „und wie bist Du, ihr, zum segeln gekommen?

  5. Danke für die Worte, deren Inspiration auch meine seglerische Existenz geprägt haben. Egal wie Du segelst, ein Austausch über das Erlebte führt zu Neid in der Gemeinde, weil Du am Wasser warst und losgenabelt von Klischees und Energie einfach Das getan hast, worin Andere, aus welchen Gründen auch immer, gehindert wurden. Nicht das Boot ist die Freiheit sondern Deine Taten sind es, kostet es doch unendlich viel Kraft sich von alle dem zu lösen, das Dich davon abbringen möchte Deine Grenzen auszuloten.
    Ich segle nun schon einige Jahre so und begreife erst langsam, das es noch mehr braucht um endlich dort zur Gänze anzukommen. Die Unabhängigkeit findet sich auch nicht in der einsamen Bucht, unabhängig heißt auch nicht sich das 5. Solarpanel an den Geräteträger zu montieren, aber sehr wohl einen Ort zu verlassen, den Andere wohl als Paradies sehen, in dem Du für Dich, sich wohl getäuscht hast, als Du ihn in Deinen Plotter eingegeben hast. Wenn der Weg das Ziel ist, kommst Du niemals an! Das gut zu finden macht Einsam und das ist was man mögen muss 😅

  6. Da hat Stefan mir mal aus der Seele gesprochen. Meine Wunschvorstellung ist, dass sich Segler untereinander und auch Motorbootfahrer respektieren, einander helfen und leben lassen. In der neuen „Segeln“ habe ich gerade einen Bericht über gegenseitige Hilfestellung anstelle Hafenkino gelesen und auch die „Yacht“ wirbt in einem Artikel für mehr Miteinander. Hier ist „Seemannschaft“ im besten Sinne gemeint. Ups, nun ist mir das Wort rausgerutscht, welches für alles mögliche herhalten muss.

  7. Was ist Segeln für mich.
    Eine Philosophie, eine Liebe zum Wasser, zur Natur, eine Herausforderung an die eigene Verantwortung. Segeln kann man in unterschiedlichsten Formen. Ich habs gemacht als ängstlicher Anfänger, als Teilnehmer von Hochseeregatten, als Familienvater, als Reiseveranstalter für Freunde und Verwandte, als Skipper und Eigner eines heißen Monos, zuletzt eines luxuriösen Kats und in Bälde einer Bente, allein, zurück zum ursprünglichen Segeln im Einklang und unter Zuhilfenahme moderner Technik – die alten Reviere, Buchten, Beisln noch mal besuchen – ICH FREUE MICH AUF MEINE BENTE

  8. Segeln ist auch, nach der ersten Seemeile alles vergessen, was mich an Land belastet hat.

  9. Hallo Stephan, mit Deinem Beitrag hast Du den Nagel auf den Kopf getroffen. Du sprichst uns aus dem Herzen!

    „Chacun à son goût“ sagt ja der Franzose, „Jeder nach seinem Geschmack“. So müsste die Devise eigentlich für alle heißen. Mit der dafür erforderlichen Toleranz hat allerdings so mancher ein Problem. Schade. Aber großartige Beiträge wie Deiner könnten zu einem neuen Bewusstsein verhelfen. Wir geben die Hoffnung nicht auf…

    Ahoi und schöne Grüße
    Martina & Thue ⛵️☀️🇩🇰

  10. …mit anderen Worten:“einfach nur segeln“, Einfach nur genießen, Einfach nur entspannen …einfach mal kein Stress – so sollte Segeln sein, Dazu eignet sich, aus meiner Sicht, ein kleines lauschiges Schiff besser als eine Luxusyacht..

    .. so what.. Handbreit

  11. Im Alter von 89 Jahren schaue ich auf 70 Jahre auf dem Wasser zurück, und vor allem, ich bin „nur“ Fahrtensegler. Ostsee, Nordsee und Elbe waren meine Reviere, und nichts war schöner, als aus einem Hafen auszulaufen und der Augenblick kam, wenn draußen der Wind in die Segel fiel, der Motor verstummte und das Schiff Fahrt aufnahm. 10 Schiffe hatte ich im Laufe meines Lebens von der 2,5 m-Jolle bis zur 38-Fuß-Ketch. Abends traf man sich wieder in irgendeinem dänischen Hafen, saß mit wildfremden anderen Seglern zusammen, redete, sang, einer spielte Klampfe und getrunken wurde auch. In einem Seglerbuch las ich mal: Warum gehen wir gern auf die See mit unseren Schiffen. Weil wir den Ernst dort spielen, schippern, navigieren, uns Wind und Wellen anpassen, und das Spiel ist in Wirklichkeit ernst, denn der See ist es völlig gleich, was für ein Schiff bei NW 5-6 gegenan boxt. In den letzten 15 Jahren stieg ich um auf ein Motorboot und freute mich über das herrliche Revier der Mecklenburgischen Seen und Brandenburgs. Vor zwei Jahren verkaufte ich meine „Kismet X“, und nun sinne ich dankbar diesem Leben hinterher und erlebe es in meinen Logbüchern nach.
    Helmuth. Kern@gmx.de

    1. …dieser Kommentar ist mindestens so bewundernswert wie der Artikel von Stephan. Danke und Kompliment an Euch beide!

      MAUERSEGLER.

    1. Hallo Klaus-M

      Ich will mich nicht aufdrängen, andererseits nicht unhöflich sein, falls du mich – Hookipa – meintest, hier die Beschreibung meiner 24BEN, #27, Auslieferung im Juli 2016:

      Hpts auf singlehandling ausgerichtet:

      Binnenrigg, Doyle oleu dpPX black Groß 31,5qm, Fock 14,5qm, Gennaker 67,0qm mit Harken Reflex Furler, Performance Kiel 1.80m, GARMIN GNX Instr., Raymarine Autopilot EV-1, Navionics auf ipad, Torqeedo pod cruise 2.0, Gori Faltprop .

      Ist, glaube ich, ziemlich komplett, auch für geplante MM Reviere

      Grüße Axel

      1. aber ich danke auch dir vielmals für deine Ausführungen!

        Meine Konfiguration werde ich aber hauptsächlich für die Ostsee, … ausrichten.

        Wünsche euch allen ALLZEIT gute Fahrt …

        1. @ Axel

          du hast geschrieben „Binnenrigg … für MM“. Ich nehme an MM = Mittelmeer.

          Wie ist eure Meinung zum Binnenrigg ? Braucht die Bente das Binnenrigg ?
          Die Mehr-Segelfläche ist ja doch beeindruckend :-)

          Grüße

    2. Du meinst mich?

      Ich hab gar keine „eigene“ Bente. Ich segle den Prototypen.

      Meine Ostsee Konfiguration sähe so aus:

      Standard Rigg
      1.80m Kiel
      Parasail Paket
      Standard Doyle Segel,
      Fockfurler Bartels
      Kat B Seezaun
      Pod Motor
      Kochkiste
      Prime Polster
      Elektrik und Navipaket
      Autopilot

      Das wäre es auch schon. Der Pod würde geldmäßig reinhauen, ist aber der beste Motor den ich kenne

  12. Die Beschreibung im Artikel spiegelt genau meine Ansicht wieder, was Segeln ist und sein sollte. Ich will raus aus der Hektik der Großstadt und rein in ein ruhiges und entspanntes Leben, netten Leute und schönen Schiffen…
    Zuletzt 10 Tage auf einer Bente24 auf der Schlei und Ostsee so erlebt und würde sofort wieder los ziehen.
    CU Christoph

  13. Segeln ist Abenteuer!
    Egal ob lautlos am Schilfgürtel entlanggleiten oder auf der Kante über den See rauschen.
    In 2,5h bin ich wieder auf dem Wasser…

  14. @Klaus: Braucht die Bente das Binnenrigg? Sicher nicht, aber schön ists wenn man’s hat, bei wenig Wind, ab 15kn wird wohl das 1. Reff notwendig sein.

    @Digger: Mich wundert die Rollfock, andererseits der Parasail, der einhand nicht einfach im Handling sein wird, trotz Bergeschlauch (hab 10 Jahre beste Erfahrung mit einem Parasail gemacht, allerdings auf einem 50ft Kat) Rauf geht er leicht, runter bei viel Wind, alleine, naja . Da vertraue ich lieber auf einen Gennaker, furling vom Cockpit aus.

    Torqeedo pod ist sicher toll, aber teuer und auf Binnenrevier nicht unbedingt erforderlich, aber man hat halt nichts hinten dranhängen.

    Kat B Seezaun ? Wennst drüberfliegst ists egal, wie hoch er ist, sehe ich keinen zusätzlichen Sicherheitsaspekt. Anhängen und Rettungsweste ist wichtiger.

    Jedenfalls sind wir uns einig über die Qualität und Vorzüge der Bente

  15. @Klaus: Ich fahre das Binnenrigg – ist natürlich bei wenig Wind genial, da bewegt sich sogar bei 1 Bft Wind etwas. Aber natürlich hat Hookipa recht, du musst relativ schnell reffen – aber diese Winde sind bei uns eher selten (Chiemsee). Wir haben nunmal entweder wenig Wind oder Gewitter …

    @Hookipa: Ich liebe meinen pod, da muss ich @digger absolut recht geben. Nicht hinten dran, lange Laufzeit, starker Schub und mit dem Faltpropeller beim segeln kaum störend. Das einzige störende ist leider wirklich der Preis. Seit einer Woch habe ich nun auch für den Gennaker einen Furler – eine der besten Erfindungen der letzten Zeit. Wirklich genial und einfach, keine Sanduhren im Segel, wirklich genial.

    Und wer mehr über meine Bente wissen will: http://www.mind-storm.de

    1. Welchen furler hast du? Läßt du den gerollten Gennaker angeschlagen, wennst mit der Genua fährst oder mußt du ihn gleich wegnehmen.

      S ehr interessant, deine Erfahrung.

      Grüße Axel

      1. Ich habe den Furler von Bartels und der funktioniert klasse. Man merkt aber schon, dass der Gennaker (zumindest meiner) tief geschnitten ist, oben rollt er wirklich sauber ein, unten wird es dann etwas breiter. Beim normalen Segeln stört das aber nicht, ich lasse ihn angeschlagen bzw. ich setze ihn bereits, wenn ich aus dem Hafen fahre. Beim Regatta segeln würde ich ihn vermutlich wegmachen, Du spürst schon, dass die Anströmung an die Fock nicht ideal ist.

  16. eigentlich sollten man jetzt einen neuen blog aufmachen, wir sind schon weit entfernt von Diggers ursprünglichem Thema. Aber er merkt es nicht, ist ja auf hoher See unterwegs ;-)

  17. Ist ja lustig, komme gerade von 10 Tagen Segeln auf der SPRIZZ auf Schlei und Ostsee – und genau so wars. Eigentlich sehr unaufgeregt, alles lief und man muß sich nicht viele Gedanken machen.
    Einfach Segeln.
    So gesehen ist es wirklich entspannendes Abenteuer.
    Mal sehen, wie es weitergeht.

    Flexibel, offen, leicht, gutmütig, ambitioniert wenn gewünscht, erholsam, am Element dran, nicht zu komplex.
    So sah unser Segeln aus… ein Traum

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